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Ehrenamt in der Krise: Wer will noch Gemeinderat werden?

23. Februar 2026

Raphael Seunig, Präsident Die Mitte Wangen SZ

March-Anzeiger, Tribüne, 23.2.2026

In der Theorie klingt es so simpel: Wenn im Gemeinderat von Wangen Sitze frei werden, fragt man einfach ein paar motivierte Leute, am besten die Jungen, und die Sache ist erledigt. Das Potenzial sei schliesslich riesig. Doch wer so denkt, verwechselt eine theoretische Umfrage mit der harten Realität der Ortsparteien. Als Ortsparteipräsident weiss ich: Die Suche nach kompetenten Gemeinderatsmitglieder gleicht mittlerweile einem Marathon, bei dem man das Ziel oft lange nicht sieht.

Der Prozess ist strukturiert und zeitintensiv. Wir klappern Kommissionsmitglieder ab, starten Aufrufe innerhalb der Partei, suchen in Vereinen und im privaten Umfeld. Wir graben tief, doch am Ende stehen wir oft vor einer Mauer aus Absagen. Und das liegt nicht an mangelndem Interesse an der Sache selbst. Die Menschen wollen mitgestalten, aber die Rahmenbedingungen machen es ihnen fast unmöglich.

Die Gründe für die Absagen sind seit Jahren dieselben und doch heute aktueller denn je:

  1. Die Vereinbarkeitsfalle: Viele potenzielle Kandidierende stecken in der Rushhour des Lebens. Berufliche Anforderungen und familiäre Verpflichtungen lassen schlicht keinen Raum für ein Amt, das oft die Intensität eines Teilzeitjobs erreicht.
  2. Das finanzielle Risiko: Wir müssen ehrlich sein: Engagement für das Gemeinwohl darf nicht arm machen. Wenn Eltern bei einer Anfrage vorrechnen, dass der Erwerbsausfall durch die Entschädigung kaum gedeckt wird, haben wir ein Systemfehler. Lebenszeit ist wertvoll geworden, und Idealismus allein zahlt keine Rechnungen.
  3. Die Angst vor der Schublade: Gerade junge Menschen scheuen sich vor der harten Etikettierung. „Ich bin nicht immer der Meinung der Partei XY“ ist ein Satz, den ich ständig höre. Die Ironie dabei: Selbst als Präsident bin ich nicht immer auf Parteilinie. Doch in einer polarisierten Welt wird konstruktive Sachpolitik oft durch das Raster des Schwarz-Weiss-Denkens verdrängt.
  4. Das Klima der Anfeindungen: Wer sich heute exponiert, braucht ein dickes Fell. Die Hemmschwelle für persönliche Angriffe und anonyme Briefe ist gesunken. Warum sollte man sich das antun, wenn man auch im Theaterverein oder im Sportclub geschätzt wird, ohne sich teils strafrechtlich relevante Beleidigungen anhören zu müssen?

Wir erleben eine Verschiebung: Die eigene Lebenszeit und der Schutz der Privatsphäre wiegen heute schwerer als die klassische Milizarbeit. Gleichzeitig verhärten sich die Fronten auf lokaler Ebene durch Polparteien, die Oppositionspolitik interessanter finden als das mühsame Erarbeiten von Kompromissen.

Es ist an der Zeit, dass wir die Arbeit derer wertschätzen, die im Hintergrund und meist ehrenamtlich die Demokratie am Laufen halten. Die Suche nach Nachfolgern ist kein Selbstläufer, sondern Knochenarbeit. Wenn wir wollen, dass unsere Gemeinden auch in Zukunft von fähigen Leuten geführt werden, müssen wir über Entschädigungen, Respekt und die Kultur des Miteinanders sprechen. Ansonsten bleibt der Sessel im Gemeindehaus leer – egal, wie gross das „theoretische Potenzial“ auch sein mag.

Mein Appell ist so simpel wie auch klar: Debattieren Sie, diskutieren Sie, streiten Sie, leben Sie die Demokratie – und behalten Sie bitte immer den Respekt und Anstand. Wir sind schliesslich die tolle Schweiz und nicht die durch und durch polarisierten USA. Dann finden wir auch wieder Menschen, die sich für unsere Milizämter bewerben werden.